17.09.17

Go, Phoenix!


In Shanghai gibt es eine unglaublich große Auswahl an Schulen, und die, für die wir uns letztlich entschieden haben, ist eine amerikanische "internationale" Schule -- von allen, die wir uns angeschaut hatten, schien sie uns die ansprechendste.

(Entweder waren die anderen Schulen zu weit weg, haben den Kindern nicht gefallen, wirkten zu steif oder zu unpersönlich. Eine britische Schule wollten wir nicht, und die deutsche Schule wäre zwar die einfachste Option gewesen, aber dann hätten die Kinder ihr Englisch wieder verloren -- besonders Minka spricht inzwischen fließend und nahezu akzentfrei).

 Aber ich muss doch sagen, der Kulturschock war dann doch bei weitem größer als der von vor drei Jahren, als wir nach China kamen...

Noch dazu ist es eine christliche Schule, und der gelebte Glaube ist hier, wie soll ich sagen... etwas lauter (und vereinzelt auch etwas fundamentalistischer) als wir es gewohnt sind.

Besonders der Mo hatte so schon die ein oder andere interessante Begegnung, die ihn etwas stirnrunzelnd zurück ließ -- für interessante Gespräche beim Abendessen ist also gesorgt.

Und natürlich der Sport!

Der wird an dieser Schule wirklich groß geschrieben!

Kürzlich an einer der Außenfassaden der Schule:


Der Mo hat sich dem Volleyball-Team angeschlossen, was wesentlich dazu beigetragen hat, dass er sich an der Schule schnell wohlgefühlt hat.


Und meine Herren, sie trainieren wirklich viel, so inklusive Krafttraining und so, und nach nur zwei Wochen war es ihm das viele Training auch wirklich anzusehen!

(Ein wirklich fescher Kerl, so unter uns gesagt).

Minka spielt derweil Fußball an der Schule und geht einmal in der Woche zum Gymnastik-Training.

Ich bin also ständig damit beschäftigt, Sportklamotten zu waschen...

So ganz normal halt.

****

Aber wie gesagt, der Kulturschock...

Die überwiegende Mehrheit der Westler an der Schule kommt nicht nur aus den USA, sondern sogar fast alle aus dem Mittleren Westen.

Und wenn ich mal einen Amerikaner kennen lerne, der nicht aus Michigan sondern aus einem anderen Staat kommt, finde ich das fast schon exotisch.

Und fast alle wohnen in unmittelbarer Nachbarschaft der Schule -- eine Seifenblase, die so überhaupt nichts mit China zu tun hat.

Mir fehlt da manchmal der Abenteuergeist, sich auch mal außerhalb der Bubble zu bewegen, aber wie mich kürzlich jemand erinnerte, sind viele zum ersten Mal für längere Zeit im Ausland... und die Seifenblase ist immer noch in China. 

("The bubble is still in China.")

Stimmt.

Und immerhin waren die Menschen, die ich bisher kennen lernen durfte, waren bisher ausnahmslos nett.

Was mich am meisten beeindruckt, ist die Energie, mit der sie die Dinge angehen.

Obwohl viele zum ersten Mal in China sind, sind sie extrem gut organisiert und durchgetacktet, sie verlieren einfach keine Zeit.

Einer neuen amerikanischen Bekannten, die erst einige Wochen hier ist, riet ich zum Beispiel, wenn sie vorhabe, richtig Chinesisch zu lernen, solle sie die Schriftzeichen von Anfang an mitlernen....

Und -- tschaka! -- sie kann schon einige Sätze schreiben.

Wir waren da damals definitiv träger gechillter, als wir nach China gekommen sind...

****

Mutze hat mittlerweile mit ihrem Chinesisch-Studium begonnen, und findet Shanghai soundso echt klasse.

Während der arme Mo Latein lernen muss (damit er problemlos in seine alte Schule in Österreich zurück kann), lernt auch Minka jetzt fleißig Chinesisch in der Schule und ich bin echt neidisch, wie gut ihre Aussprache ist.

Ich habe mich auch wieder an einer Uni angeschrieben, bin aber im Moment noch nicht so begeistert vom Unterricht. Wo sie an der Nankai Universität in Tianjin viel zu schnell unterwegs waren, geht es hier eher im Schneckentempo.

Was allerdings nicht heißt, dass mein Chinesisch mittlerweile besser wäre, ich stammele immer noch vor mich hin.

Aber es macht viel Spaß, zu versuchen mich durch zu schlagen und ich finde immer noch, dass man einfach mehr erlebt, wenn man sich in der Landessprache unterhalten kann.

****

Euch wünsche ich ein schönes Restwochenende!

So long,
Corinna

01.09.17

Hobby-Anarchisten


Hola, dahinten an der Kreuzung scheint es die Polizei ja tatsächlich ernst zu meinen, denn neben den regulären Verkehrspolizisten haben sie jetzt auch an jeder Ecke Uniformierte stationiert, die peinlich genau darauf achten, dass sich alle an die Regeln halten.

Wobei "uniformiert" ein weit gefasster Begriff ist, denn das ist man in China bald einmal.

Die, die da an der Ecke stehen, dürften jedenfalls so ziemlich gar keine Befugnisse haben.

Trotzdem kann ich die Bemühungen wirklich nur begrüßen.

Denn obwohl der Verkehr auf der Pudong-Seite Shanghais im Vergleich zu Tianjin wirklich zahm ist, ist es trotzdem kein Vergnügen, sich mitten im Berufsverkehr mit dem Fahrrad durchzuschlängeln.

Da aber die meisten Chinesen im Grunde ihres Herzens "Hobby-Anarchisten"* sind, wird es wohl mehr als ein paar Verkehrspolizisten brauchen, um sie dazu zu bewegen, sich an die Verkehrsregeln zu halten.

Gestern beobachtete ich (an der Ampel brav vor der weißen Linie haltend), wie einer der Uniformierten eine ältere Dame anwies, es mir gleich zu tun. Was sie völlig ignorierte und ihr Fahrrad einfach weiter in die Kreuzung hinein schob.

Der Uniformierte rief ihr noch ein, zwei Mal zu, sie solle stehenbleiben, als sie aber schließlich einfach nur über den Gehweg auswich, meinte er auch nur:

"Hao de."

(Okay.)

Als die Ampel dann endlich auch für mich Grün wurde und er mir freundlich zunickte, dass ich nun fahren dürfe... bin ich trotzdem noch von Rechts- und Linksabbiegern geschnitten worden, ganz zu schweigen von den Autofahrern, die einfach knapp vor mir zum Parken an den Straßenrand einscherten... 

Lustig war der Autofahrer, der aus einer Einfahrt kam und mir den Weg abschnitt. Als ich ihm ziemlich genervt "go! go! go!" zurief, um wenigstens vor lauter Langsamerwerden nicht vom Rad zu fallen, hielt er einfach mitten im Weg an und schaute sich irritiert in alle Richtungen um...

"Go" hört sich nämlich genauso an wie gou ... also Hund.

Oups.

Mein Fehler, :-).

Richtig erfreulich ist auf unserer Seite Shanghais, dass es auf den großen Straßen Radwege gibt, die wirklich nur Zweirädern vorbehalten sind.

Also, Zweirädern und dem gelegentlichen Fußgänger, dem sowieso alles egal ist.

(Das war in Tianjin nicht so, da haben die Autofahrer die Fahrradwege gerne mal als zusätzlichen Rechtsabbieger- oder Überholstreifen zweckentfremdet).

Aber auch auf den Radwegen geht es während des Berufsverkehrs wirklich extrem wild zu, da wird links und rechts überholt, sich in jede Lücke geschlängelt und gegen den Strom gefahren... 

Der Vorteil ist aber, dass man garantiert hellwach ist, wenn man am Ziel ankommt, :-).

****

Euch wünsche ich einen schönen Freutag!

So long,
Corinna

*So bezeichnet in meinem Shanghai-Reiseführer "Shanghai: Zeit für das Beste" von Jochen Klein und Christoph Mohr. Den ich übrigens für Reisen nach Shanghai durchaus empfehlen kann.

30.08.17

The Bubble


"Es ist nahezu lächerlich," sagt eine neue Bekannte beim gemeinsamen Mittagessen in einem In-Lokal, "was für eine falsche Vorstellung die Chinesen davon haben, wie reich wir Expats angeblich sind."

...

...

Na ja, denke ich mir und schaue etwas betreten auf meinen Teller, eigentlich auch kein Wunder, wenn man bedenkt, dass allein mein Menu ungefähr vier Mal so viel kostet wie die Kellnerin vermutlich in der Stunde verdient...

Man muss hier im Allgemeinen -- und in Shanghai im Besonderen -- wirklich sehr aufpassen, dass man den Blick für die Relationen nicht verliert.

Euch wünsche ich einen schönen Tag!

So long,
Corinna

25.08.17

Shen me?


Shen me?

Was? Wie bitte?

Da hat mich doch heute glatt ein Verkehrspolizist beflegelt höflich angetrillert und mich mit meinem Fahrrad vom Linksabbiegerstreifen verscheucht!

Dabei hatte ich mich doch perfekt an die, äh, ... deutschen Verkehrsregeln gehalten.

Also, ich meine, mal so überhaupt an Regeln. 

Und dann sogar an welche, mit denen ich weitaus sicherer unterwegs gewesen wäre, als mit den chinesischen, bei denen die Radfahrer in der Hierarchie zwar ganz knapp über den Fußgängern, aber definitiv immer noch am ganz unteren Ende stehen.

Aber meine Herren, heute waren sie auch wirklich streng!

Sie haben sogar einen Moped-Fahrer dazu gezwungen, abzusteigen und sein Moped über Straße zu schieben... 

(Ich war zu dem Zeitpunkt eh schon schlauer und wusste, dass die Polizei es heute wirklich ernst meint).

Dabei ist der Verkehr in Shanghai eh recht zahm, jedenfalls verglichen mit Beijing und Tianjin, und ich muss mich erst wieder daran gewöhnen, dass man hier nahezu stressfrei im Straßenverkehr unterwegs sein kann, :-).

****

Euch wünsche ich ein schönes Wochenende!

So long,
Corinna

22.08.17

Small talk im Hause Mahlzahn


Mutze und der Mo sitzen abends um den Fernseher versammelt und während sie mit einem Auge auf den Bildschirm schauen, plaudern sie munter vor sich hin.

Thema ist ein Film, dessen Namen sie vergessen haben.

Mutze: Du weißt schon, der Film, wo zwei versuchen einen Porno zu drehen.
Mo: Ach, Du meinst Ma's Lieblingsfilm?

...

...

...

...

Flööööööt.

(Allerdings meinte der Mo "Love Actually". Den Namen von dem, über den Mutze sprach, wissen wir immer noch nicht).

So long,
Corinna

18.08.17

Shanghai


Nach einem langen Sommer sind wir nun in Shanghai angekommen, die Wohnung ist bis auf ein paar Kleinigkeiten eingerichtet, und Minka und der Mo hatten vorgestern ihren ersten Schultag an ihrer neuen Schule.

Der Abschied von Tianjin ist uns schwer gefallen, jetzt sind wir aber auch sehr gespannt auf unser neues Abenteuer -- insbesondere in einer Stadt, die einerseits zwar mega modern und international ist (hier gibt es so viele Expats, dass man sich gegenseitig schon gar nicht mehr wahr nimmt), anderseits aber auch noch sehr viele kleine Schätze chinesischen Alltagslebens zu bieten hat.

Wie zum Beispiel die kleinen, engen Gassen in der Nähe der Innenstadt, von denen mir noch unklar ist, ob sie nun Nòng Táng oder Lòng Táng heißen.

So oder so, sie laden wirklich perfekt dazu ein, sich in ihnen zu verlieren und das ganz normale Leben der kleinen Nachbarschaften auf sich einwirken zu lassen.

Im...




und um den Konfuzius Tempel herum:








Auch das moderne Leben hat in den kleinen Gassen mächtig aufgeholt, wir haben eine ganze Manga-Zeile gefunden:


Die Weihnachtsgeschenke für ein Drittel unserer Kinder sind also schon mal gesichert, haha.

****

Über unserer Abschied aus Tianjin und unsere neue Wohnung in Shanghai schreibe ich ein anderes Mal, jetzt mag ich erst mal ankommen, Gedanken sortieren und mich mitten in die Sache stürzen, ;-).

Euch wünsche ich einen schönen Freitag und dann ein schönes Wochenende!

So long,
Corinna

24.06.17

A different kind of normal -- das andere Normal


Gerade beim Aufräumen meines Laptops gefunden: ein kleiner Aufsatz über China, den ich letztes Jahr für unser Pfarrblatt geschrieben habe.

Sollte ich es schon mal gepostet haben, bitte ich um Verzeihung.

A different kind of normal – das andere „Normal“*

Unser zweites Jahr in China neigt sich dem Ende zu, und alles was uns am Anfang fremd und ungewöhnlich erschien, ist mittlerweile zum Alltag geworden. Auch wenn einiges viel, viel anstrengender ist als im beschaulichen Österreich – die vielen Menschen, der Lärm, das ständige Autohupen, der tägliche Überlebenskampf beim Überqueren einer großen Straße – ist es hier in vielerlei Hinsicht auch erfrischend unkompliziert und entspannt.

Die Menschen in Tianjin erscheinen mir trotz der Betonwüste und der Menschenmassen erstaunlich ausgeglichen und gelassen. In den Parks sieht man vor allem ältere Menschen, die die Grünzonen für ihren Früh- und Abendsport nutzen, oder sich zum Musizieren zusammenfinden. Nicht alle sind Virtuosen, aber sie haben Spaß, und es finden sich immer genügend Leute, die gerne dabei stehen und zuhören. An vielen Straßenecken sitzen Menschen zusammen und spielen chinesisches Schach oder Karten, immer umringt von einer Traube Zuschauer, die das Spiel kommentieren. Über die Mittagszeit sieht man überall Arbeiter, die sich in den Schatten legen und einen Mittagsschlaf halten. Schlafen können die Menschen hier sowieso überall. Für uns unvorstellbar, da wir Schlaf für etwas Privates und Schlafen auf einer Parkbank für asozial halten, aber hier ist es einfach nur normal.

Mittags und Abends tauchen überall kleine fahrbare Küchen auf, an denen man für wenig Geld essen kann, und das Gesundheitsamt hätte viel zu tun, sie alle zu überprüfen. Manchmal mag die Hygiene wirklich etwas zweifelhaft sein, aber es schmeckt köstlich. So genau möchte ich gar nicht wissen, wie es in den Küchen meiner liebsten Nudelläden aussieht, denn dann könnte ich vielleicht das Essen nicht mehr genießen. Und das schmeckt nun mal gerade in den kleinen Läden am besten, die auf den ersten Blick nicht so vertrauenserweckend wirken.

Auch die Markthalle in unserer Nachbarschaft ist auf den ersten Blick gewöhnungsbedürftig –  vor allem die Stände an denen Fleisch verkauft wird, denn das hat mit unseren Hygienebestimmungen wirklich wenig gemeinsam. Aber manchmal ist es doch allemal praktischer als erst quer durch die halbe 15 Millionen Stadt zu fahren, um das Fleisch in einem großen Supermarkt zu kaufen, von dem ich auch nicht weiß, wie es hinten im Schlachtraum aussieht. Dafür sind die Fische am Fischstand wirklich frisch. Das weiß ich, weil schon mehr als einmal ein Fisch aus dem Becken und mir direkt vor die Füße gesprungen ist. Direkt neben dem Fischstand ist übrigens eine Zahnarzt“praxis“, der Behandlungsraum sozusagen mitten in der Auslage. Um den Zahnarzt scheinen aber nicht nur wir einen großen Bogen zu machen, denn wir haben dort noch nie einen Patienten gesehen.

Sicherheitsfanatiker sind Chinesen sicher keine. Überall gibt es Stolperfallen, funktionierende Gurte in Taxis sind meistens Fehlanzeige, das Verkehrsverhalten der Auto- und Radfahrer ist eher … spontan, und der Mut der Arbeiter und vor allem der Fensterputzer bewundernswert. Aus westlicher Sicht geht manches gar nicht. Aber in China geht es eben doch, ohne dass gleich Tausende von Vorkehrungen getroffen werden oder irgendwelche Sicherheitsexperten auf der Matte stehen.

Das kann man natürlich so oder so sehen. Mir hat es jedenfalls schon in mindestens zwei im wahrsten Sinne des Wortes „brenzligen“ Situation sehr geholfen, dass sie komplikationslos und ohne größeren Ärger geregelt werden konnten. Das sind aber alles Anekdoten für sich, über die wir sicher später noch oft lachen werden. Genauso, wie ich jetzt mit meinen chinesischen Freunden darüber lache, dass ich mich Anfang kaum getraut habe, eine Straße zu überqueren, aber jetzt oft noch schneller als die anderen Fußgänger an der anderen Straßenseite ankomme.

*Ganz allein meins.

****

Euch wünsche ich ein schönes Wochenende!

So long,
Corinna

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